Wenn das Thema Abnehmen auf den Tisch kommt, landet man früher oder später fast automatisch bei derselben Methode: Kalorienzählen. Man lädt sich die nächste Tracking-App herunter, stellt die Küchenwaage bereit und wiegt jedes Salatblatt akribisch bis auf die Nachkommastelle ab. Schließlich will man ja schwarz auf weiß sehen, ob man im magischen Kaloriendefizit gelandet ist.
Aber fragt euch doch mal ganz ehrlich: Ist dieser permanente Zahlensalat wirklich die Lösung für ein glückliches, gesundes Leben?
Was bist du bereit zu opfern?
Um das zu beantworten, müsst ihr euch vor allem eine Frage stellen: Was seid ihr eigentlich bereit, für euer Ziel aufzugeben?
Das größte Dilemma bei dieser Methode liegt nämlich auf der Hand: Der Genuss und der Spaß am Essen bleiben komplett auf der Strecke.
Niemand von uns fühlt sich auf Dauer wohl damit, jeden Bissen erst durch die Waage und die App jagen zu müssen. Macht euch den enormen Aufwand bewusst: Zutat heraussuchen, grammgenau wiegen, im Handy eintippen, kochen – und das Ganze mindestens dreimal am Tag! Da vergeht einem doch schon vor dem ersten Bissen der Appetit.
„Essen ist mehr als nur Nährstoffaufnahme. Es ist auch Spaß, Genuss und Wohlgefühl. Mit Kalorien-Tracking, Abwiegen und Co. verlieren wir aber genau diese wichtigen Aspekte purer Lebensfreude.“
Anne Krenzin
Die Schattenseiten des ständigen Zählens
Die Folge im stressigen Alltag kennen viele nur zu gut: Man lässt Mahlzeiten frustriert ganz ausfallen, weil man schlichtweg keine Zeit oder Nerven mehr für die digitale Buchführung hat. Absolut verständlich! Aber eben weder gesund noch zielführend.
Dazu kommt der morgendliche Gang auf die Waage wie das tägliche Urteil: Hat sich die ganze Rechnerei überhaupt gelohnt? Zeigt das Display dann nicht die erhoffte Zahl, schlagen Frust und schlechte Laune sofort zu.
Die typischen Konsequenzen dieses Systems sind vorprogrammiert: Entweder schmeißt ihr nach zwei Wochen entnervt alles hin und landet wieder genau da, wo ihr angefangen habt – unzufrieden und frustriert. Oder aber ihr zieht das eiserne Regiment durch, bezahlt das Ganze dann aber mit einem 24/7-Gedankenkarussell. Ihr nehmt zwar ab, denkt aber von morgens bis abends an nichts anderes mehr als an Zahlen, Grammangaben und Verbote.
Die Rechnung dafür ist hoch: Gereiztheit, soziale Isolation beim gemeinsamen Essen und ein permanenter Kampf gegen den eigenen Körper. Im schlimmsten Fall kippt dieses starre Kontrollverhalten in krankhafte Essmuster – bis hin zu sogenannten Cheat Days, an denen man nach wochenlangen Verboten völlig die Kontrolle verliert und sich hemmungslos durch Pizza, Eis und Schokolade frisst, nur um sich danach wieder elend zu fühlen.
Wann Tracking trotzdem kurzfristig hilfreich sein kann
Zu Beginn der Ernährungsumstellung
Gerade zu Beginn der Gewichtsreduktion fühlen sich viele Menschen irgendwie verloren. Sie brauchen einen Anker, um in neue Routinen starten zu können. Kalorientracking kann hier für die ersten 1 bis 2 Wochen ein Hilfsmittel sein. Aber Achtung: Bei längeren Zeiträumen steigt das Risiko für Essstörungen.
Zur Einschätzung von Portionsgrößen
Viele Menschen berichten davon, dass sie zu viel in einer Mahlzeit essen - sie essen quasi über den Hunger hinweg. Um zu lernen, eine normale Portionsgröße einzuschätzen, können Tracking-Apps helfen. Aber sobald ihr ein Gefühl dafür bekommen habt, legt das Smartphone weg und hört auf euer sprichwörtliches Bauchgefühl (Hunger).
Für ein Gefühl von Inhaltsstoffen
Oft weiß man gar nicht so richtig, was eigentlich in einer zubereiteten Mahlzeit so drin steckt - gerade bei Lieferdiensten und Takeaway. Hier können Apps helfen, um einen Überblick zu bekommen. Das sollte aber nicht dauerhaft und bei jeder Mahlzeit genutzt werden. Denn, wenn ihr euch zuhause eine frische Mahlzeit zubereitet, wisst ihr ja was drinsteckt.
Was kann ich ohne Tracking tun?
Wie sieht also ein echter Ausweg aus, der Körper und Seele gut tut?
- Versteht eure Ursachen: Schaut ehrlich hin, welche Gewohnheiten euch überhaupt an den Punkt gebracht haben, an dem ihr euch unwohl fühlt. Warum esst ihr wann? Erst wenn ihr den wahren Auslösern auf den Grund geht, könnt ihr Muster nachhaltig ändern.
Hinterfragt Diät-Mythen: Eignet euch bodenständiges, verlässliches Ernährungswissen an. Entlarvt den ganzen Marketing-Quatsch und die vermeintlichen „Wundermittel“, die euch das Netz ständig andrehen will.
Hört wieder auf euren Körper: Echtes Hunger- und Sättigungsgefühl lässt sich nicht durch eine App ersetzen. Lernt wieder zu spüren, was euer Körper tatsächlich braucht.
Und wenn ihr merkt, dass ihr euch im Diät-Dschungel festgefahren habt und euch immer wieder im Kreis dreht: Scheut euch nicht, professionelle Unterstützung zu holen. Befreit euch vom Zahlenzwang und findet euren eigenen, entspannten Weg zu echtem Wohlbefinden.